Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

Leipzig - Näher dran 04_2013

7 m Ballettsaal herrscht konzentrierte Stille. „Dadam, badam, dadam. One, two and three“, Matthew Bindley, 37 Jahre, einer von drei Ballettmeistern des Leipziger Balletts, vollführt zügig eine kurze Choreografie aus unzähli- gen anmutigen Bewegungen. 32 Tän- zer beobachten ihn aufmerksam. „And up, down, down and back“, kommen- tiert Matthew Bindley seine eigenen Bewegungen. Er klatscht lachend ein- mal in die Hände und sofort beginnt das Klavier in der hinteren Ecke, eine fröhliche Melodie zu spielen. Wenn man die Augen schließt und sich kon- zentriert, hört man neben dem Klavier ein leises Schleifen, wenn Dutzende Füße im Takt zart über den gewiener- ten Boden streifen. Tyler Galster, 24 Jahre alt und seit der Spielzeit 2010/2011 Tänzer in der Leipziger Company, steht keine zwei Meter von Matthew Bindley entfernt an einer Stange. Er verzieht keine Miene; tanzt jede noch so kleine Bewe- gung exakt nach. Er wirkt ein bisschen entrückt. So als stünde er bereits auf der Bühne und würde das Stück zum Leben erwecken. Sein tänzerisches Ta- lent bemerkt man nicht nur beim Trai- ning – in „Eine Weihnachtsgeschichte“ tritt der US-Amerikaner als Neffe so- listisch auf. Das Thema hat mich gefunden Draußen ist es knackig kalt; die ty- pisch aufgeladene, quirlige Stimmung der Vorweihnachtszeit hat den Au- gustusplatz vor der Oper Leipzig fest im Griff. Drinnen – im Ballettsaal – ist davon nichts zu spüren. Das Training läuft seit etwa 40 Minuten, die Tänzer sind jetzt aufgewärmt. Die Bewegun- gen sind nun längst nicht mehr so vor- sichtig wie zu Beginn. Stück für Stück flattern Jacken, Shirts und Stulpen in die eine oder andere Ecke. „Das funkti- oniert hier nach dem Zwiebelprinzip“, verrät Tyler. „Zum Ende des Trainings sind wir und der komplette Saal dann vollkommen aufgeheizt.“ Verständlich. Denn jetzt kommt Tempo ins Spiel. Die Klaviermusik wird schneller. Der ganze Raum scheint sich zu bewegen. Ballett- meister Matthew Bindley ist gefangen von der Dynamik der Melodie, plötz- lich tanzt er mit. „Yes! And now: Come on!“, ruft er lachend. Die 32 Fußpaare bewegen sich rasant. Einzelne Cho- reografie-Elemente sind kaum noch sichtbar. Als sich die Einheit ihrem I » „Eine Weihnachtsgeschichte“ feierte bereits am 17. November 2012 Premiere in der Oper Leipzig. Vom 6. bis 28. Dezember 2013 finden wieder Vorstellungen statt. fulminanten Ende nähert, beginnen einige Tänzer aufgrund der Schnellig- keit zu kichern. Auch Matthew Bindley muss lachen. Tyler lächelt schüchtern; er legt den Kopf schief, als Bindley das Tanzstück noch einmal durchgeht. Es ist inzwischen 12 Uhr, der Au- gustusplatz füllt sich langsam und stetig mit Menschen, die den zahlrei- chen kleinen Besorgungen der Vor- weihnachtszeit nachgehen. Mario Schröder, Chefchoreograf und Ballett- direktor des Leipziger Balletts, bahnt sich seinen Weg durch diesen Trubel. „Ich manövriere mich täglich durch den Weihnachtsmarktverkehr zur Ar- beit“, meint der 48-Jährige. Er lächelt: „Aber eigentlich finde ich es schön, wenn sich die Menschen auf der Stra- ße eine gute Zeit machen.“ Dann hält er inne. „Doch Weihnachten hat nichts mit Shoppingwahn zu tun. Deswegen war mir ‚Eine Weihnachtsgeschichte‘ wichtig – ich stehe vollkommen hinter ihrer Aussage. Das Thema hat mich praktisch gefunden.“ ➸

Übersicht