Themenschwerpunkt: Ungarn - Grenzen überwinden
Am 9. Oktober 1989 stellten 70.000 Menschen in Leipzig die Weichen für grundlegende Veränderungen in Europa. Ihr gewaltloser Protest und ihr mutiges Eintreten für freiheitlich-demokratische Grundrechte bereiteten die Voraussetzungen für den Fall der Berliner Mauer. Die Ereignisse wie zum Beispiel die Öffnung der Grenze zwischen Ungarn und Österreich im Mai 1989 und die ungehinderte Ausreise von DDR-Bürgern via Ungarn im September hatten Signalwirkung und ermutigten die Bürger in der DDR in ihrem Protest. Gemeinsam spannen der künstlerische Leiter des Lichtfests, Jürgen Meier, Ballettdirektor und Chefchoreograf Mario Schröder und der Musiker Mike Dietrich in diesem Jahr einen Bogen zwischen Ungarn und Leipzig: Das Leipziger Ballett reflektiert die Themen Freiheit und Verantwortung. Tanz, Live-Aufnahmen vom Augustusplatz und ein eigens komponierter Soundtrack bilden den Rahmen für eine Videoprojektion mit 3-D-Elementen an der Fassade der Oper, die geschichtliche sowie aktuelle gesellschaftliche und politische Ereignisse einbezieht.
Der Sound der Emotionen
Für den damals 19-jährigen Mike Dietrich wird der 9. Oktober 1989 immer ein ganz besonderes Erlebnis bleiben, verbunden mit vielschichtigen Emotionen, die er am ehesten mit Musik ausdrücken kann. Sich zu erinnern und dabei auch die Zukunft im Blick zu behalten, ist sein Anspruch an das musikalische Konzept für das Lichtfest. Die Komposition unternimmt dabei den Versuch, entlang der geschichtlichen Ereignisse Musik verschiedener Generationen und Kulturen sowie deren Emotionen, Wünsche und Hoffnungen gegenüberzustellen und zu vereinigen. Mithilfe digitaler Produktionsweisen der modernen Pop- und Tanzmusik verschmilzt er computergenerierte Musik, Klassik und Folklore. Als Klangquellen dienen beispielsweise historische Originalaufnahmen, klassische Instrumente sowie synthetisch erzeugte Rhythmen und Klänge.
Getanzter Freiheitsgedanke
Die Idee der Freiheit ist ein zentrales Thema für Europa und Deutschland – im Besonderen aber für die Stadt Leipzig als Ausgangspunkt der Friedlichen Revolution. Ballettdirektor und Chefchoreograf Mario Schröder hat die Ereignisse 1989 als Tänzer am Leipziger Opernhaus erlebt. Das Leben zwischen zwei Systemen und der politische Umbruch gehören zu seiner Biografie. Die Freiheit in der Demokratie ist für den Choreografen ein Privileg. Deshalb ist es eine besondere Ehre für ihn und das Leipziger Ballett, eine Choreografie für das Lichtfest zu kreieren. Auf dem Augustusplatz zeigt Mario Schröder seine choreografische Auseinandersetzung mit dem Freiheitsgedanken. Dabei geht es nicht nur um das Erinnern an die Friedliche Revolution, sondern ebenso um heutige Kämpfe um Freiheit auf der ganzen Welt – ohne dabei die Freude zu vergessen, wenn man Freiheit leben darf.
Wähle Dir Deine CHRONIK
Im Zentrum der Videoinstallation von Jürgen Meier steht ein junger europäischer Protagonist, der sich mit einer App auf seinem Smartphone eine CHRONIK der historischen Ereignisse in Deutschland und Ungarn seit 1953 zusammensucht – sich quasi seine europäische Identität erstellt. Dabei streift die Projektion Ereignisse, die die Gefühlswelt in Deutschland und Ungarn bewegt und geprägt haben: von der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956 über deutsch-deutsche Treffen am Balaton sowie die Grenzöffnung 1989 in beiden Staaten bis hin zur Integration in die Europäische Union.
Ablaufplan für den 9. Oktober 2012 in Leipzig | |
Leipzig
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Historische Information Lichtfest 2012:
Volksaufstand 1956 - Volkserhebung gegen die stalinistische Diktatur
Ungarn, das während des Horthy-Regimes und in der Endphase des Zweiten Weltkriegs unter den Hungaristen mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbunden und an den Verbrechen des Holocaust beteiligt war, befand sich nach 1945 im sowjetischen Einfluss- und Interessengebiet. Mit brutalem Terror wurde eine Stalinistische Diktatur errichtet. Dagegen formierte sich Protest: Mit Massendemonstrationen begann am 23. Oktober 1956 die heftigste Volkserhebung im kommunistischen Machtbereich. Die Menschen forderten freie Wahlen, Meinungsfreiheit und die Loslösung von der Sowjetunion. Bereits einen Tag später rollten sowjetische Panzer durch Budapest. Die tagelangen heftigen Kämpfe forderten etwa 2.500 Todesopfer und Zehntausende Verletzte. Nach der blutigen Niederschlagung der Revolution nahm die ungarische Führung grausame Rache an den „Konterrevolutionären“. Hunderte wurden hingerichtet, Zehntausende inhaftiert. Mehr als 200.000 Ungarn fl üchteten ins Ausland. In den Folgejahren versuchte das Regime, die Loyalität des Volkes mit Zugeständnissen zu erringen – vor allem mit dem Versuch der Befriedigung von Konsumwünschen.
Deutsch-deutsche Begegnung am Balaton 1970er-Jahre - Ungarn als Tor zwischen Ost und West
Unter dem Regime von János Kádár wurden der ungarischen Bevölkerung ab Mitte der 1960er-Jahre eine größere kulturelle Vielfalt und mehr Kontakte in den Westen gestattet. Parallel dazu verbesserte sich – finanziert durch Westkredite – die Versorgungslage merklich. Die oppositionelle Bewegung der 1970er-Jahre, die in besonderer Weise von kritischen Intellektuellen getragen wurde, setzte vor allem auf Dialog sowie gesamtgesellschaftlichen Diskurs. Sie strebte keine Revolution, sondern einen Minimalkonsens mit den Herrschenden an. Damit beschritt Ungarn einen eigenen Pfad des friedlichen Übergangs zu Demokratie und Pluralismus. Dieser ungarische Weg war ein Vorbild und gleichzeitig eine Hoffnung für Oppositionsbewegungen in anderen Staaten des sowjetischen Einfl ussgebiets. Mit dem Bau der Mauer 1961 wurde Ungarn und insbesondere die Region um den Balaton zum Ort der deutsch-deutschen Begegnung und des Austausches. Während drei Jahrzehnten trafen sich dort durch die innerdeutsche Grenze getrennte Familien und Freunde aus Ost- und Westdeutschland. Gemeinsam nahmen sie die deutsche Einheit in den Zeiten des Kalten Krieges vorweg.
Grenzöffnung 1989 - Der Weg aus der sowjetischen Hegemonie
Am 2. Mai 1989 begann Ungarn als erster Ostblockstaat mit dem Abbau der befestigten Grenzanlagen. Am 15. März 1989, dem Jahrestag der Revolution von 1848, folgte mit einer Massendemonstration ein weiterer wichtiger Meilenstein der ungarischen Oppositionsbewegung. Die kommunistische Partei wurde zu Verhandlungen gezwungen. Sie musste auf ihren Führungsanspruch verzichten und mit der Opposition am „Nationalen Runden Tisch“ über die Machtfrage verhandeln. Gleichzeitig erfolgte eine Neubewertung der Ereignisse von 1956: Imre Nagy, die Symbolgestalt der Revolution von 1956, wurde exhumiert und am 16. Juni 1989 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung feierlich beigesetzt: Damit löste sich Ungarn endgültig aus der sowjetischen Hegemonie. Auf einer Veranstaltung der Opposition direkt an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich bei Sopron, dem „Paneuropäischen Picknick“, flohen am 19. August 1989 schließlich Hunderte Bürger der DDR – ungehindert von den ungarischen Sicherheitskräften – nach Österreich. Knapp einen Monat später wurde die Grenze endgültig geöffnet und am 11. September 1989 gestattete die ungarische Regierung Zehntausenden DDR-Flüchtlingen die Ausreise.
Neue Werte heute - Politische und gesellschaftliche Entwicklungen
Für die Ostblockstaaten, die sich ohnehin bereits in einer Wirtschafts- und Legitimationskrise befanden, hatte die ungarische Entscheidung zur Grenzöffnung Signalwirkung. Auch in der DDR, deren Führung sich lange gegen ein neues außenpolitisches Denken verweigerte, fand sie Gehör und bestärkte die Opposition in ihrem Engagement für die Friedliche Revolution. Nach 1989 verfolgte Ungarn einen entschlossenen Weg hin zur Demokratie und nach Europa: Zum Beispiel gehörte das Land zu den ersten Staaten des ehemaligen Ostblocks, die eine freiheitlich-demokratische Grundordnung etablierten und der NATO sowie der Europäischen Union beitraten. Die jetzige ungarische Regierung unter Viktor Orbán ist mit der von ihm vorangetriebenen neuen Verfassung und der Verabschiedung eines umstrittenen Mediengesetzes im In- und Ausland in die Kritik geraten. Die Vorwürfe lauten, dass die Gesetze nicht mit dem europäischen Wertekanon vereinbar seien. Momentan besteht die Gefahr, dass viel von der 1989 erworbenen Reputation verspielt wird. Zweifellos erhalten bleiben aber Ungarns Verdienste um die Überwindung von Grenzen.




