Sonderbeilage der polnischen Zeitung Gazeta Wyborcza
Lesen Sie hier Auszüge aus der polnischen Sonderbeilage der Tageszeitung Gazeta Wyborcza vom 08. Oktober 2011 zu Leipzig und zu den gemeinsamen Feierlichkeiten zum Herbst 89.
1982 ging Roland Jahn für seine Sympathiebekundung ins Gefängnis
Begeistert vom Aufstand in der Danziger Werft, kaufte Roland Jahn 1982 in Jena kleine Papierfahnen und schrieb darauf die Worte „Solidarnosc z polskim narodem“ – eine ungeheure Provokation der Staatsmacht.
Ein passender Anlass für die Behörden, ein Exempel an einem unbequemen Bürger zu statuieren, der bereits mit verschiedenen Aktionen aufgefallen war. Es folgten die Verhaftung, Verurteilung wegen „Missachtung staatlicher Symbole“ und 1983 die Zwangsausweisung aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Heute ist Roland Jahn Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR und setzt seinen Kampf, den er als Bürgerrechtler begann, mit der Aufarbeitung des DDR-Unrechts fort. Wie über viele Bürger gab es auch über ihn eine Akte der Staatssicherheit. Er musste erkennen, dass unter den Spitzeln sogar enge Bekannte waren. Die Lektüre der Berichte hielt so manche Überraschung für den Journalisten bereit. So hatte die Archivierungswut der Behörde auch vor seiner selbstgebastelten Solidarnosc-Fahne keinen Halt gemacht. Das wiederentdeckte Erinnerungsstück überreichte Roland Jahn im Mai 2011 dem Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig, Professor Rainer Eckert.
Einzigartiger Brückenschlag
Menschen zweier Revolutionsstädte reichen sich die Hand:
Zum ersten Mal schlägt das Lichtfest am 9. Oktober eine Brücke zwischen zwei europäischen Ländern. In Leipzig und Danzig werden die Menschen gemeinsam an die Ereignisse rund um den Herbst ’89 erinnern und sich aktiv beteiligen.
In der Polnischen Ostseephilharmonie Danzig findet am 9. Oktober ab 20 Uhr ein Sonderkonzert anlässlich des Jahrestags der Friedlichen Revolution statt. Das Orchester spielt unter der Leitung von Jürgen Wolf, Kantor der Nikolaikirche Leipzig und musikalischer Leiter des Lichtfests. Auf dem Programm stehen Werke polnischer und deutscher Komponisten: Penderecki, Górecki, Bach und Brahms.
Gemeinsames Erinnern
Zeitgleich erleben die Besucher in Leipzig auf dem Augustusplatz, dem historischen Versammlungsort von 1989, eine Videoperformance als Großprojektion auf die Fassade der Oper Leipzig. Der künstlerische Leiter des Lichtfests Jürgen Meier verbindet darin historische Bezüge aus Danzig und Leipzig mit aktuellen Blickwinkeln und bettet diese in Live-Schaltungen vom Konzert aus Danzig ein. Es ist bereits Tradition, dass die Besucher auf dem Augustusplatz mit ihren Kerzen eine große leuchtende 89 gestalten. Außerdem zeigt eine weitere Projektion im Zentrum Leipzigs den mutigen Freiheitskampf der Menschen in Danzig, Budapest, Prag und Leipzig. Die Konzertbesucher in der Polnischen Ostseephilharmonie Danzig wiederum erhalten via Live-Übertragung Eindrücke der Veranstaltung in Leipzig.
Viele Partner – ein Ziel
Das Lichtfest wird federführend von der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH organisiert. Viele weitere Akteure, wie die Initiative „Tag der Friedlichen Revolution – Leipzig 9. Oktober 1989“ engagieren sich im Rahmen des Jubiläums mit verschiedenen Veranstaltungen. Für die Ansprache der polnischen Partner und die Koordination der Aktivitäten in Danzig leistet das Polnische Institut in Leipzig umfangreiche Unterstützung – mit großem Erfolg: Mieczslaw Struk, Marschall der Woiwodschaft Pommern und der Danziger Stadtpräsident Pawel Adamowicz übernehmen die Schirmherrschaft. „Leipzig und Danzig sind beides Städte, die als Symbole für Veränderungen in Europa stehen. Wir sollten unsere Völker an die Ereignisse erinnern, die zu den politischen Veränderungen in Polen beigetragen haben. Und wir sollten gleichzeitig den Einfluss verdeutlichen, welchen sie auf die spätere Entwicklung Deutschlands und Europas hatten“, so Pawel Adamowicz. Auch das Europäische Solidarnosc-Zentrum unterstützt das Lichtfest. „Am 9. Oktober werden wir ein Zeichen setzen, wie man Freiheitsgeschichte gemeinsam erzählt“, sagt dessen Direktor Basil Kerski. Zudem hat es den Status eines offiziellen Projekts im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft Polens erhalten.
